Kongress 2011/Vom Hauptbahnhof zum Güterbahnhof: Zürich wird aufgewertet
Aus Recht auf Stadt - Plattform fuer stadtpolitisch Aktive
FR 3 June 2011 in:
Abstract
Nowhere else Zurich is upgraded as quickly and the density of resistance as high as inbetween the central station and the old freight terminal. Here, the "Alley of Europe" and "the swath" are running against the "Neufranken street" and the association "Gueterbahnhof"; the city administration is struggling against the usual suspects, toghether with investors and the train company. Who is fighting here against whom and why? What are the initiatives aiming at?
In Zürich tobt wie überall der Aufwertungskrieg, in dem die städtische Exekutive zusammen mit Investoren und Entwicklern gegen die angestammte Bevölkerung antritt. Von den 12 Kreisen sind mindestens die Hälfte bereits gentrifiziert oder supergentrifiziert, ein weiteres Viertel mitten im Aufwertungsprozess, das letzte Viertel unter Druck - Zürich global city ist attraktiv für Manager, Marketingfachleute oder Banker. Nicht nur Menschen aus dem Niedriglohnsegment werden verdrängt, immer mehr gehören auch mittelständische Familien und das Gewerbe zu den Leidtragenden. Neben Zürich Nord und Zürich West - beide ehemalige Industriequartiere - ist dieser Wandel im ehemaligen Arbeiterviertel 4/5 am augenfälligsten. Neben dem Hauptbahnhof entsteht die Europaallee für eine einkommensstärke global class und prestigeträchtige Bankfilialen, eine "Schneise" verbindet diese mit den neuen Bankhochhäusern von Zürich West. Unter die Räder kommen v.a. die angestammte migrantische Bevölkerung und marginalisierte sowie prekäre Gruppen. Gegen diese Großprojekte regt(e) sich der Widerstand: Die Kampagne gegen den "Stadtraum HB" konnte die Europaallee nicht verhindern, jene gegen die Schneise war etwas erfolgreicher. Wir haben aus den Niederlagen gelernt und wollen nun proaktiv den nächsten Bahnhof selber entwickeln: Der Verein Güterbahnhof will auf dem stillgelegten Güterbahnhof-Areal einen Mix aus günstigem Wohnen, Kleingewerbe und Kultur verwirklichen. Wir zeigen wer, wie und warum.
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work in progress
Zürich hat alles, was zu einer global city gehört: Einen Flugplatz, der mit den wichtigsten global cities direkt vernetzt ist, eine stark wachsende Finanz- und Dienstleistungsbranche, die auf diese Vernetzung zwingend angewiesen ist und eine rasende Veränderung der Stadtstruktur, welche die citynahen Stadtteile einer umfassenden gentrification aussetzt.
Zürich dominiert seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die wirtschaftliche Entwicklung der Deutsch-Schweiz. nach der Schleifung der Stadtmauern begann mit dem Bau der Eisenbahn die Verwandlung dieser kleinen schweizer Stadt (damals kleiner als z.B. Baden oder Aarau) zum wichtigsten Industriegebiet und zum führenden Finanzplatz. Aus baumwollverarbeitenden Manufakturbetrieben entwickelten sich Industriebetriebe des Maschinenbaus wie Escher-Wyss, Brown Bovery (später in ABB aufgegangen), Maschinenfabrik Oerlikon (später Bührle Holding), etc. Diese Industriegürtel lagen Ende des 19. Jahrhunderts noch ausserhalb der Stadtgrenzen oder hart am Rande. Zusammen mit der benachbarten winterthurer Industrie (Sulzer, Rieter,...) bildeten sie das Rückgrat der schweizer Metallindustrie.
Zürich wuchs um den Abfluss des Sees, auf beiden Seiten begrenzt von langen Hügelzügen. Deshalb dehnte sich Zürich vorwiegend nach Westen aus. Schon seit den 80er jahren wird die schweizer Hauptstadt bern im Volksmund 'Zürich West' genannt. Zu dieser Ausdehnung gesellt sich das Gebiet nördlich der Stadt. Hier liegt seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts der Flughafen und der zweite wichtige Industriegürtel. 12 Kilometer weiter nordöstlich liegt zudem die Stadt Winterthur. neben der Industrie und dem finanzplatz beeinflusst der private und der öffentliche Verkehr die Stadtentwicklung massgeblich.
Die grossen ERschliessungsprojekte mit Autobahnen stiessen im kleinräumigen Zürich auf starken Widerstand, was dazu führte, dass die Autobahnen wohl bis an den Stadtrand gezogen wurden, dort aber unvermittelt aufhörten. So ergoss sich seit den 70er jahren ein zäher Autoverkehr mitten durch die zentralen Wohnquartiere. Anfangs der 80er Jahre wurde mit grosser mehrheit der Bau der S-Bahn angenommen. Der dazu notwendige Ausbau der kleineren Stadtbahnhöfe führte zu einer sofort stark ansteigenden Spekulation in den umliegenden Quartieren. Besonders heftig konnte das im Seefeld beobachtet werden. Die damals in Gang gesetzten Veränderungen haben in der aktuellen Diskussion den Begriff 'Seefeldisierung' geprägt.
Der mit der S-Bahn neu gebaute Bahnhof Hardbrücke stand ursprünglich im Niemandsland der Industrieareale, am Rande der städtischen Genossenschaftssiedlungen. Heute ist er ein wichtiger Zubringer für die Finanz- und Dienstleistungsfirmen, welche sich auf den ehemaligen Industriearealen breit machen. Anfangs der 80er jahre hatte der Auszug der zürcher Industrie begonnen. Nun mitten in der Stadt gelegen, waren die Grundstückspreise dieser Areale explodiert, was dazu führte das die Firmen entweder wegzogen oder ausgeschlachtet wurden (Verkauf des Betriebs, Schliessung, Profitmaximierung durch Verkauf der Grundstücke oder Umwandlung des Industriebetriebs in eine Immobilienfirma). Heute sind wir damit konfrontiert, dass die ehemaligen Arbeiterquartiere Aussersihl und der Kreis 5 (Industriequartier) komplett zu einer Brache der Global City umgebaut werden.
Neben den soeben geschilderten (Aufwertung durch Anschluss an S-Bahn und Neu-Erschliessung der Industrieareale) erleben wir noch eine dritte: Die Aufwertung durch Abwertung des privaten Verkehrs. 2009 wurde der Autobahnring um Zürich eröffnet. Sofort wurde mit der Abklassierung und teilweisen Schliessung der Transit-Achsen begonnen, welche mitten durch die Wohnquartiere führten. Bereits im Vorfeld zeichnete sich ab, dass die Bodenpreise - und somit die Mieten - sprunghaft ansteigen werden. Die MieterInnen, welche jahrzehntelang Lärm und Gestank ertragen mussten, werden somit durch das zahlungskräftigere 'urban people' vertrieben.
Der Stadtteil rund um die Langstrasse - der niedliche zürcher Kiez - wird ebenso aufgewertet. Schon bald soll die Langstrasse tagsüber für den Privatverkehr gesperrt werden. Trendige Bars breiten sich aus, GrafikerInnen und Design-Shops übernehmen die Ladenlokale.
Wir stehen in Zürich nun vor der Situation, dass am südlichen Ende des Zürichsees die grossen CEO's an der Diamantenküste sitzen, das rechte Seeufer heisst seit Jahren Goldküste, die in den Zürichberg übergeht - seit dem 19. jahrhundert Sitz der zürcher Bourgeousie. Gentrification sei Dank geht der Berg fast nahtlos ins Seefeld über, das der urbanen Sozialdemokratie geopfert wurde. Der See-Abfluss - die Limmat - ist auf beiden Seiten umgeben von der totsanierten Altstadt - dem schweizer Disneyland für TouristInnen und Heimat-schützerInnen. Parallel zum Hügelzug der linken Fluss-Seite verläuft die weltbekannte Bahnhofstrasse - ursprünglich der Fröschengraben, wo bis ins 19. Jahrhundert hinein der Müll über die Stadtmauern gekippt worden war.Mit dem Paradeplatz als in Stein erstarrtem Zentrum - dem ehemaligen Schweinemarkt vor den Stadttoren - der nur noch Kulisse ist für den Mythos der schweizer Grossfinanz. Die wichtigen Büros befinden sich längstens in den Dienstleistungsgürteln im Westen und vor allem Norden der Stadt - perfekt angebunden an den Flughafen.
Die Bahnhofstrasse und die Altstadt stossen an den Hauptbahnhof. Dessen Geleisefeld öffnet sich oberirdisch nach Westen Richtung Bern und sucht sich in alle anderen Richtungen unterirdisch seinen Weg durch die Zürich eingrenzenden Flussbette und Hügelzüge.
Die ehemaligen Industriegebiete und die nicht mehr benötigten Landreserven der Bahn ziehen sich entlang der Geleise an die Stadtgrenzen. Im Norden von zürich wächst das gesamte Gebiet der angrenzenden Gemeinden zu einer einzigen Neben-City zusammen, ausgerichtet auf den angrenzenden Flughafen.
Eine weitere schweizer Spezialität ist, dass 1985 eine dritte Säule als finanzielle Altersvorsorge für alle Werktätigen obligatorisch erklärt worden war: Die Pensionskassen. Neben dem persönlich Ersparten und der staatlichen Altersvorsorge wird seither allen Angestellten ein fixer Betrag vom Einkommen eingezogen und in den Pensionskassen zwangsverwaltet. Nach der Pensionierung erhalten die Angestellten theoretisch entsprechend ihren persönlichen Leistungen eine weitere Rente. Der Haken dabei: Während die Angestellten bis zu zu ihrer Pensionierung warten müssen, um möglicherweise ihren Anteil zu erhalten, verwenden die Pensionkassen diese Beiträge umgehend, um an der Börse oder im Immobilienhandel zu spekulieren. sie treiben damit nicht nur die Bodenpreise in die Höhe, sondern haben seither in den diversen Börsencrashes enorme Mengen des ihnen 'anvertrauten' Vermögens vernichtet.
Eine kleine Nebenschiene davon: Die Pensionskasse der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) verkauft nun ihre Landreserven, die sie nicht mehr benötigt, mit der Begründung sie müsse im Interesse ihrer Versicherten die Finanzen sanieren. Öffentliches Land, das den SBB Ende des 19. Jahrhunderts für den Bahnbetrieb praktisch geschenkt worden war, wird nun marktgerecht verkauft und der Gewinn damit einmal mehr privatisiert. Die Gründung der SBB waren eine Folge der staatlichen Intervention, die nötig geworden war, nachdem die privat betriebenen Bahnbetriebe nach jahrzehntelanger Spekulation und Ausschüttung höchster Dividenden sich gegenseitig in den Ruin getrieben hatten und der gesamte Bahnbetrieb vor dem totalen Zusammenbruch stand. Schon damals hiess es: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Zu den Banken, die bereits damals von dieser Umschichtung profitierten gehörten auch die Vorläufer der heutigen schweizer Grossbanken.

