Die Stadt als begehbarer Fernseher

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Interview mit city.crime.control

Text aus: ak - analyse und kritik [1] / Nr. 454 / 27.09.2001, Interview: Nicole Vrenegor


Seit zwei Jahren beschäftigt sich die Bremer Gruppe city.crime.control mit den Themen Sicherheit, Kontrolle und Stadt. Das erste Projekt von C3 war die Aktions- und Veranstaltungswoche "Die Kontrolle der Räume" im Mai 1999, in der die Verdrängungspolitik der Stadt und Möglichkeiten der Selbstorganisation thematisiert wurden. Im September 2000 richtete city.crime.control im Rahmen der Ausstellung Safety first vor dem Bremer Schlachthof ein temporäres Stadt-Forschungslabor ein. Bei ihrem letzten Projekt tv-control wurde das Bremer Ostertorviertel in einen begehbaren Fernseher umgewandelt. Wir sprachen mit zwei Mitgliedern der Gruppe, Ulf Treger und Holger Börgartz.

Aus welcher Motivation heraus ist 1999 die Gruppe city.crime.control entstanden?

Ulf Treger: Wir sind aus einer Kampagne heraus entstanden. Es gab 1998 immer stärkere Tendenzen zu Deregulierungsbestrebungen in der städtischen Politik in Bremen wie auch in anderen Städten. Ein ganz markantes Beispiel dafür war, dass der damalige Innensenator das wilde Plakatieren verboten hat. Das war für viele Leute, die im subkulturellen Bereich arbeiten, ein Warnsignal. Wir haben als Schnittstelle zur Öffentlichkeit nur die Plakate, weil wir außer in unseren Kernmedien nicht in der Presse vorkommen und zum Teil auch nicht vorkommen wollen. Es hat sich spontan eine Initiative gebildet von verschiedenen Leuten aus der subkulturellen Szene bis hin zu mainstream Theaterleuten, die gesagt haben: Wir wollen versuchen zu verhindern, dass dieses Plakatierverbot durchgesetzt wird. In dieser Kampagne haben wir die zuständigen PolitikerInnen besucht und versucht, denen praktisch Freiraum abzutrotzen. Das ist dann relativ schnell gescheitert mit so aberwitzigen Angeboten, dass wir beim Plakatieren 50 Pfennig pro Plakat zahlen sollten, was sich keiner leisten kann. Die Initiative dieser Kampagne ist dann mehr oder weniger in sich zusammengebrochen. Etwa zehn Leute wollten weiterhin zu dem Thema was machen. Es ging uns nicht nur um das Plakatierverbot. Es geht um mehr: um die Umstrukturierung des städtischen Raumes, es geht um die Folgen für die Einwohner, für die Leute, die Kultur und Politik machen, für die ethnischen und sozialen Minderheiten.

Woran macht ihr die Umstrukturierung der Städte fest?

Holger Börgartz: Einerseits gibt es die konkreten Sachen im Alltag, wie das Plakatierverbot. Eine andere Sache, die sehr sichtbar ist, sind diese Kampagnen zur Sauberkeit in Städten. Konkret waren das die Sicherheitsdienste in Bahnhöfen, Zusammenarbeit von Bundesgrenzschutz, Polizei und privaten Sicherheitsdiensten. Wir haben im Mai 1999 eine Veranstaltungswoche zum Thema: "Die Kontrolle der Räume" gemacht. In dieser Woche haben wir erst mal gesammelt und geguckt: Wie hängt das eigentlich zusammen, wie wird ein Thema wie Sauberkeit mit Kriminalität verkoppelt? Wir haben viele Leute eingeladen, die zu diesen Themen gearbeitet und von ihrer Auseinandersetzung und Praxis berichtet haben.

Entstand eurer Name city.crime.control in Anlehnung an den Service-Sicherheit-Sauberkeit-Begriff der Deutschen Bahn?

UT: Nee, das hat einen anderen Ursprung. 1998/99 gab es bundesweit mehrere Kampagnen und inhaltliche Konzepte, wie zum Beispiel die Aktion Sicherheitsnetz, bei der der BGS nicht nur in den Bahnhöfen, sondern auch in der Innenstadt eingesetzt wurde. Im Rahmen der Aktion Saubere Stadt wurde das Plakatieren verboten, Aktion Saubere Stadt hieß dann aber auch, eine Aktivmentalität der BürgerInnen zu stimulieren, damit die Leute anfangen, ihre Nachbarn zu verpetzen, wenn sie ihre Mülltonne nicht an die richtige Stelle stellen. Der damalige Innensenator Bortscheller hat den Vorschlag gemacht, in Bremen eine city.crime.control-Initiative ins Leben zu rufen. Diesen Begriff hat er irgendwann mal in Amerika gehört. Die Initiative ist nie umgesetzt worden. Aber wir fanden den Namen so klasse, weil er zentrale Begriffe zusammenbringt: die Stadt, das Verbrechen bzw. Regelverstoß und dann als manipuliertes Szenario die Kontrolle, die das Ganze wieder gerade biegen soll.

Bei eurer letzten Aktion tv control im September habt ihr für einen Abend das Bremer Ostertorviertel in einen begehbaren Fernseher verwandelt. Lief dort ein öffentliches oder privates Programm?

UT: Mit dieser Veranstaltung haben wir versucht, den Konflikt zwischen öffentlichem und privaten Raum zu thematisieren. Im Zuge der Privatisierung von staatlichen Aufgaben, mit dem Rückzug von staatlichen Kompetenzen wird der öffentliche Raum immer mehr privatisiert. Das beste Beispiel sind die Shoppingmalls, die eigentlich kein öffentlicher, sondern privater Raum sind. Dort gilt das Hausrecht, das heißt, dass man dort seine Grundrechte wie Meinungsfreiheit oder Demonstrationsrecht nicht wahrnehmen kann. Im Viertel selbst lassen sich auch solche Tendenzen ablesen, und insofern fanden wir es wichtig, diesen öffentlichen Raum zu nutzen. Wie weit wir dann, wenn wir den Fernseher auf die Straße stellen, selber den öffentlichen Raum privatisieren, ist dann noch mal eine andere Diskussion. Wir wollen aber aufzeigen, dass die Nutzung des öffentlichen Raums nicht auf eine rein zielgerichtete Fortbewegung oder auf Konsumption beschränkt sein sollte.

HB: Wir machen unsere Veranstaltung im Viertel und nehmen uns den Raum, ohne danach zu fragen. Das Stichwort ist hier "Umkämpfte Räume", was ich sehr schön finde. Der öffentliche Raum ist nicht komplett verhökert - noch nicht ~ sondern es ist immer noch eine Auseinandersetzung möglich. Es geht darum zu probieren, was ist möglich und was nicht? In diesen Kontext würde ich auch tv-control einordnen. Genau diese Auseinandersetzung zwischen öffentlich und privat wollten wir zum Thema machen.

Tv-control basierte auf dem Konzept des Zappens. An 19 verschiedenen Stellen im Viertel liefen zeitgleich Kurzfilme, Videos und Installationen zum Thema öffentlicher/privater Raum. Kann mensch sich durch Kunst zappen?

UT: Diese Analogie ist eine bewusste Anlehnung an die KonsumentInnenmentalität, weil wir finden, dass durch dieses Spiel quasi auch die Hemmschwelle niedriger gesetzt wird, sich mit dem Thema zu befassen. So wie man sonst gezwungen wird, sich durch die Fernsehkanäle zu zappen, um das eine oder andere Schöne zu finden, so wurden die Einzelnen quasi gezwungen, den öffentlichen Raum zu erschreiten, um ihn für eine kurze Zeit in Besitz zu nehmen. Jeder hatte die Möglichkeit, sich einfach von einem Spielort zum anderen zu bewegen, aber wie es sich für einen Fernsehabend gehört, gab es für tv-control auch eine Fernsehzeitschrift, in der die einzelnen Sendungen aufgelistet waren. So konnten die ZuschauerInnen ihr eigenes Programm zusammenstellen. In dieser Zeitschrift gab es sowohl Hintergrundartikel, mit denen wir Inhalte und Kritik transportieren wollen, als auch Unterhaltung wie Horoskope und Comics und alles, was sonst noch so dazugehört.

Ihr nennt euch Stadtforschungsprojekt. Im September 2000 habt ihr ein Labor - das city containment center - errichtet, in dem öffentlich zum Thema Stadt geforscht wurde. Was waren eure Forschungsergebnisse?

HB: Es war nicht beabsichtigt, damit zu fertigen Ergebnissen zu kommen, sondern das Ziel war der Prozess unserer Arbeit. Wir haben eine Woche einen Container aufgestellt, von dem aus wir Exkursionen in die Stadt gemacht haben. Unter bestimmten thematischen Vorzeichen haben wir Punkte in der Stadt erkundet. "Schatten" war zum Beispiel ein thematisches Motiv, in dessen Rahmen wir in einem nächtlichen Spaziergang sogenannte "Gefahrenräume" aufgesucht haben. Bei den verschiedenen Exkursionen haben wir Material gesammelt und in den Container gebracht und aufgearbeitet. Gerade diesen Prozess des Erkundens und Sammelns wollten wir darstellen.

Ihr habt auch Exkursionen in den Stadtteil Tenever gemacht, einem Vorort von Bremen, der in den 1970er-Jahren hochgezogen wurde. Was war der Anlass für die Exkursion?

HB: In Tenever war ursprünglich geplant, einen ganzen Stadtteil komplett Video zu überwachen. Dies ist erst mal auf Eis gelegt worden. Als Alternative wird derzeit eine Art Concierge-Modell ausprobiert: In den Eingangsbereichen der Hochhäusern sitzt ein Concierge, das ist eine Person, die den Eingang und per Videoüberwachung alle anderen allgemein zugänglichen Bereiche einsehen kann. Sie ist gleichzeitig auch Ansprechperson, die andere Aufgaben wie z.B. Briefmarkenverkauf übernimmt, um das reine Kontrollelement ein bisschen abzufedern.

UT: Dieser Prozess in Tenever ist insgesamt sehr ambivalent, da die Concierge durchaus soziale Funktion hat andererseits würde ich in dem Haus nicht leben wollen, weil ich selbst wenn ich durch den Hintereingang gehe, weiß, dass ich gesehen werde. Das heißt die Kontrolle ist schon perfekt. Als die Idee mit der totalen Videoüberwachung aufkam, gab es dort ein öffentliches Treffen und die einzigen, die sich gegen die Videoüberwachung ausgesprochen haben, waren die beiden anwesenden Polizeibeamten. Sie hatten nicht prinzipiell etwas dagegen, aber sie hatten Bedenken, was die Wirksamkeit angeht. Alle anderen waren jedoch dafür.

Von BefürworterInnen der Videoüberwachung ist oft zu hören: Wer nichts zu verbergen hat, muss sich keine Sorgen machen. Wie geht Ihr mit diesen Einwänden um?

HB: Die Problematik, die ich dahinter sehe, ist dass man vielleicht ganz gern Ja zur Videoüberwachung sagt, weil man damit persönlich viel verbindet. Man kann ziemlich viel darauf projizieren, dass man sagt, wenn da eine Kamera steht, werden Täter abgeschreckt und ich kann mich sicherer fühlen. Die Frage ist: Wie viel von dem ist überhaupt durch die Kamera umsetzbar. Und die andere Frage ist: Was sind das überhaupt für Projektionen, die ich habe? In Tenever hat sich das Arbeitslosenzentrum zusammen mit den BürgerInnen Gedanken zum Thema Sicherheit gemacht. Dabei ist herausgekommen, dass die Bedürfnisse eigentlich in eine andere Richtung gehen, wie etwa eine bessere Nachbarschaft oder mehr Solidarität in den Häusern. Da können Kameras auch nicht viel machen. Diese anderen Bedürfnisse äußern sich vielleicht darin, dass alle sich plötzlich einig sind: Kameras sind gut. Das ist aber häufig keine wirkliche Zustimmung.

In eurer Selbstdarstellung schreibt ihr, dass Stadt nicht mehr gelebt, sondern inszeniert wird. Wie sieht diese Inszenierung aus?

UT: Im negativen Sinne wird ein Sicherheitsgefühl inszeniert, oder besser gesagt ein Unsicherheitsgefühl. Das wird dann mit Videoüberwachung und verstärkter Polizeipräsenz bedient. Auf der anderen Seite wird der positive Effekt, der Wohlfühl-Faktor vor Ort, immer mehr stimuliert und simuliert. Mit scheinbar schönen Angeboten wie Musicals und anderen Großevents versucht man, Leute an die Stadt zu binden. Diese Angebote richten sich nicht mehr in erster Linie an die Einwohner einer Stadt, sondern an geldkräftige TouristenInnen oder InvestorInnen. Nach innen wird so etwas wie ein Sicherheitsszenario, nach außen so was wie Entertainment angeboten. Diese Inszenierung spielt sich im konsumorientierten Bereich ab. Es geht nicht mehr darum, Bedürfnissen freien Raum zu lassen, sondern es wird etwas vorgesetzt, das mit entsprechenden Kampagnen verkauft werden soll.

Welchen Einfluss haben KünstlerInnen und Kulturschaffende auf die Inszenierung von Stadt?

HB: KünstlerInnen werden vermehrt benutzt, um diese Symbole zu produzieren. Kunst und Kultur sind Wirtschaftsfaktoren, die eine besondere Attraktivität der Stadt ausmachen sollen. Ich habe nicht das Gefühl, dass KünstlerInnen einen Einfluss auf diesen Imageprozess haben, wenn sich ihre Arbeiten beispielsweise nutzen lassen, um Touristen anzulocken.

UT: Es ist etwas vermessen, den Anspruch zu stellen, massiven Einfluss auf diese Prozesse zu haben. Es kann wirklich nur darum gehen, einerseits Alternativen zu entwickeln und zu platzieren, andererseits darum - etwas pessimistisch ausgedrückt - in Rückzugsgefechten Ansprüche auf gewisse Räume aufrechtzuerhalten. Wir haben dabei keine Lust, fertige Konzepte anzubieten, und glauben auch nicht, dass das möglich ist. Bei unseren Projekten wie tv-control haben wir immer Leute gesucht, die mit uns in Austausch treten und sich mit ihren eigenen Ideen einbringen. Das ist viel interessanter, wenn etwas Neues entsteht, da wir nicht von vornherein wissen, was passieren wird.


Infos und Kontakt:www.citycrimecontrol.net, E-mail: c31@citycrimecontrol.net