Interview: Park Fiction

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Die Wünsche verlassen die Wohnung

aus: analyse & kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 449 / 12.4.2001, Interview: Nicole Vrenegor

"Eines Tages werden die Wünsche die Wohnung verlassen und auf die Straße gehen. Noch führen sie ein gering geschätztes Leben, in Schachteln voller Lieblingsgegenständen, in versteckten Liebesbriefen, in verworfenen Romanfragmenten, in traurigen Briefmarkensammlungen, in - im Restaurant abgeknipsten - Pflanzenablegern. Sie leben in Vasenform, als verknicktes Poster, als abgetretener Teppich, als Mickeymaustelefon, in technischen Geräten einer vergangenen Epoche, in verstaubten Reisesouvenirs, überwintern in deiner Plattensammlung. Sie werden nervös. Sie haben es satt, das Leben im Halbdunkel. Sie wollen raus, in die Stadt. Sie wollen andere Wünsche treffen, sich streiten, produktiv werden, auf der Straße tanzen (...). Die Wünsche werden die Wohnung verlassen und dem Reich der Langeweile, der Verwaltung des Elends, ein Ende bereiten."

Dies ist ein Zitat aus Margrit Czenkis Film "Park Fiction - die Wünsche werden die Wohnung verlassen und auf die Straße gehen". Mit diesem 1999 entstandenen Film stellt sich das gleichnamige Projekt vor. Das Projekt ist hervorgegangen aus dem Hafenrandverein für selbstbestimmtes Leben und Wohnen auf St. Pauli. Seit Jahren kämpfen die AnwohnerInnen gegen die Bebauung des letzten freien Stücks Elbhang und fordern statt dessen einen Park, der eine Fläche von 9.000 Quadratmetern umfassen soll. An der Planungsphase beteiligten sich über 1.000 Menschen, die verschiedenste Wünsche für den Park einbrachten. Geplant sind u.a. ein Seeräuberinnen-Brunnen, ein Open-Air-Solarium, eine Kinoleinwand zwischen künstlichen Palmen und Spiel- und Bewegungsflächen. Im Februar 2000 erhielt das mit Park Fiction zusammenarbeitende Architekturbüro arbos den Auftrag, die Pläne umzusetzen. Derzeit wird das Projekt von PolitikerInnen der Bezirksversammlung blockiert. Wir sprachen mit Christoph Schäfer, der das Projekt Park Fiction künstlerisch und organisatorisch betreut.


Ihr arbeitet mit dem Konzept der "Kollektiven Wunschproduktion". Was ist das?

Christoph Schäfer: Uns reichen die Möglichkeiten der Stadtplanung, wie sie im Moment läuft, nicht aus. Es gibt nach wie vor nur die Möglichkeit der Anhörung, was letztlich ein hochherrschaftliches Mittel ist. Die Herrschaft hört sich an, was der Bürger dazu zu sagen hat. Wie bei so rudimentär demokratischen Verfahren üblich, können da gar keine komplexen Ideen entwickelt werden, mal abgesehen davon, dass nur bestimmte Menschen zu Anhörungen hingehen. Man muss sich sprachlich gut ausdrücken können und darf keine Scheu haben, vor großen Mengen zu sprechen. Das hält einen Großteil der Leute raus. Wir haben uns überlegt, wie kann man das umkehren? Unser Verständnis von Stadt ist auch ein anderes. Städte werden von uns produziert, egal, ob wir das bewusst oder unbewusst tun. Es ist ja nicht nur die Architektur, die Städte bestimmt, sondern das, was darin ist. Wie sind Städte strukturiert? Wer lebt darin, wie bewegt man sich darin, was zieht man an? In dem Sinne produzieren wir das Stadtbild die ganze Zeit, aber auf die Planung haben wir keinen Zugriff. Unsere Idee ist, dass StadtkonsumentInnen zu StadtproduzentInnen werden, und da sind Mittel und Werkzeuge zu entwickeln, wie man das umsetzen kann.

Wie habt ihr versucht, Gruppen, die sonst von Städteplanung ausgeschlossen werden, in den Planungsprozess mit einzubeziehen?

Ein Kernpunkt war ein Planungscontainer, den wir sechs Monate vor Ort aufgebaut hatten. In diesem Container war unser Wunscharchiv mit einer umfassenden Bibliothek zu Park- und Stadtplanungsthemen. Dann gab es ein Knetbüro, wo Ideen gestaltet werden konnten. Wir hatten den sogenannten Action Kit entworfen, das war der Planungscontainer in klein zum Mitnehmen mit einem aufklappbaren Hafenpanorama und jeder Menge Bastelmaterial. Ein wichtiges Element war, das wir uns Jacken gemacht haben, auf denen Park Fiction stand. Wir haben so etwas wie eine "Corporate Identity" entwickelt, um unser Projekt ironisch in Beziehung zu den Corporate Identitys von Großkonzernen zu setzen. So hatten viele Leute keine Scheu mehr, uns zum Beispiel beim Einkaufen direkt anzusprechen. Dann waren wir viel vor Ort. Wir sind in Gruppen gegangen, die sich hier im Stadtteilkulturzentrum, in der Gemeinde treffen oder in Schulklassen, ins Kinderhaus am Pinnasberg. Gleichzeitig haben wir viele Aktionen gemacht. Es gab einen Rave, es gab Ausstellungen, das hat extrem mobilisiert. Das alles lief parallel zu den herrschenden Stadtplanungsprojekten.

Welche Wünsche sind dabei herausgekommen?

Es gab viele sprachlich formulierte Wünsche, die wir nach Funktion sortiert haben. Und es gab relativ wenige sehr spezielle Entwürfe, wo man das Gefühl hatte, da will jemand, dass etwas auf eine ganz bestimmte Art aussieht. Ich glaube, dass liegt daran, dass man es überhaupt nicht mehr gewöhnt ist, dass man eine Chance hat, mit solchen Ideen durchzukommen. Das hatte für uns den Vorteil, dass wir die Vorschläge nicht zensieren mussten. Mein Lieblingsentwurf ist von einem türkischen Mädchen aus der Nachbarschaft. Die hat ein Jugendzentrum entworfen mit Briefschränken für Jugendliche, die zu Hause keine Post bekommen können, weil die Eltern das kontrollieren. Für den Entwurf hätte sich das ganze Projekt für mich schon gelohnt, weil ich auf diese Art, das Verhältnis Privat/Öffentlich zu formulieren, nie gekommen wäre.

1997 habt ihr es geschafft, die Bebauung des Elbhanges zu verhindern. Wie hat sich das Projekt seitdem entwickelt?

Der Planungsprozess konnte dann erst offiziell los gehen. 1998 war das Konzept fertig. Danach haben wir erwartet, dass 1999 mit dem Bau angefangen wird. Dazu kam es nicht. 1999 wollte die Stadt das Projekt unter Verwendung unserer Entwürfe selbst weiterplanen. Mit dieser soften Enteignung waren wir natürlich nicht einverstanden. Es hat ein weiteres Jahr gedauert, bis der Auftrag stattdessen an ein Architekturbüro unseres Vertrauens gegeben wurde. Seit letztem Sommer wird das Projekt jetzt von Bezirks-PolitikerInnen blockiert. Dabei werden vor allem Sicherheits- und Ordnungsbedenken geltend gemacht. Da stellt sich die Frage - neben dem würdelosen Menschenbild, das hinter solchen Bedenken steht - was das nun mit dem konkreten Entwurf zu tun haben soll. Meines Erachtens gar nichts. Im Moment wird versucht, unser Projekt sozusagen von bürokratischer Seite abzuschleifen. Das ist ein Prozess, der genau das Gegenteil ist von einer Wunschproduktion, das Runterkochen von Ideen auf ein unverfängliches Normalmaß.


Hinter Park Fiction steht die idealistische Vorstellung, dass Menschen, die derzeit KonsumentInnen der Stadt sind, zu ProduzentInnen werden sollen. Wie ist der Weg dahin?

Idealistisch, weiß ich nicht, das ist wohl eher ein romantisches Bild. Dieser Gesellschaft wird demnächst die Arbeit ausgehen. Darum wird es heftige Kämpfe geben, es wird mehr und mehr um die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums gehen. Und da kann man sich schon überlegen, was fangen wir mit der Zeit eigentlich an? Viel von der Arbeit, die im Moment gemacht wird, ist außerdem extrem sinnlos. Vielleicht könnte Park Fiction ja ein Beispiel sein, dass Menschen sich damit beschäftigen, wie sie tatsächlich leben wollen. Dafür hätten wir dann Zeit, jetzt fehlt uns nur noch das Geld.

Seht ihr euch als politisches oder als künstlerisches Projekt?

Ich würde das ungern auseinander rechnen, weil es beides ist. Ich glaube, dass die Phasen, in denen politische Bewegungen in engem Austausch mit künstlerischen Bewegungen waren, die explosivsten Zeiten waren und die mit dem weitesten Horizont. Das gilt für die 20er Jahre, für die Konstruktivisten, die Oktoberrevolution, aber noch viel mehr später für solche Bewegungen wie die Situationisten, 68er und Punk. Eine Zeit lang ist es gelungen, dass sich Kunst und Politik gegenseitig schlauer gemacht haben. Das heißt nicht, dass das eine das andere dominiert. Eine Politik, die nicht darüber reflektiert, welche Formen sie benutzt, landet leicht in der Sackgasse. Ein Ausschluss von Formen führt schnell zu einem Ausschluss von Lebendigkeit. Und bei Park Fiction war zum Beispiel der Pudelclub mit eingebunden, also die Hamburger Musiksubkultur, aber auch Leute, die Werbung machen, Künstlerinnen aus dem Viertel und soziale Einrichtungen. Das Zusammenspiel hat hier extrem gut funktioniert. Wir hätten das Projekt sonst nicht durchgekriegt, aber so konnten wir immer auf andere Terrains ausweichen, da wir viel mehr Felder zur Verfügung hatten, auf denen wir politisch und ästhetisch arbeiten konnten.

Subkulturelle Szenen haben eigene Ausgrenzungsmechanismen wie Sprache oder Kleidung. Wie versucht ihr dem entgegenzuwirken?

Wir versuchen eine Vielstimmigkeit zu ermöglichen. Meine Sprache zum Beispiel ist manchmal fremdwortlastig und damit für manche Leute abstoßend. Unsere theoretischen Texte kursierten vor Ort nicht groß. Auf der anderen Seite versuchen wid auch durch ästhetische Flyer Menschen anzusprechen, die von politischer Arbeit nichts mehr wissen wollen. Ich finde es gefährlich, wenn sich verschiedene Sprachen und Formen gegenseitig verbieten. Dass Kinder einfach nur basteln, muss als Aussage wahrgenommen werden, die gleichwertig ist mit einem Text oder einer Analyse. Das finde ich wichtig, das ist zwar arg utopisch, aber es ist einen Versuch wert.

Parks haben oft die Funktion, Menschen wieder fit für die Arbeitswelt zu machen. In welcher Tradition steht Park Fiction?

Es gibt einen Spruch von dem König von Bayern, der den Englischen Garten der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hat: "Ein Volk, das flaniert, revoltiert nicht." Es gibt aber auch ganz andere Gartentraditionen - Gärten als Ideenlandschaft, als Versprechen eines besseren Lebens. Wenn man sich den Englischen Garten anguckt, merkt man, dass dahinter auch eine Paradies-Vorstellung steht. Es geht letztlich um eine andere Art von Zusammenleben. Das ist ein Kommunikationsort und verleiht einem eine Idee, was man vielleicht noch Nettes mit seiner Zeit anfangen könnte. Es könnte also auch eine Verführung sein, am nächsten Tag nicht zur Arbeit zu gehen. So ein Park könnte auch ein Ort sein, wo man sich versammelt und diskutiert.

Heute müssen linke Projekte ihre Räume verteidigen. Es geht weniger darum, neue Räume zu besetzen. Woher nehmt ihr die Motivation für Park Fiction?

Bei politischen Projekten finde ich es extrem wichtig, dass möglichst viel von dem, was man tut, schon in dem Moment Spaß macht, während man es tut und nicht erst, wenn man etwas erreicht hat. Wir haben ja sieben Jahre noch nicht erreicht, dass wir den Park haben. Aber wir hatten viele Momente und Veranstaltungen, die in sich schon viel von der Erfüllung dessen, was man haben möchte, drin hatten. Sei es, dass es interessante Vorträge waren oder man schlauer geworden ist oder Leute kennen gelernt hat, die man sonst nie getroffen hätte. Es ist gut, Formen zu finden, die sich auf eine Art direkt schon lohnen. Da steckt natürlich immer viel Arbeit drin, aber ein Teil ist dabei, der sich direkt auszahlt und nicht erst am St. Nimmerleinstag. Da ist dann eine andere Motivation in dem Moment im Spiel, die mir politisch näher ist, als wenn Leute sich da nur etwas abquälen.

Projekte wie Park Fiction laufen Gefahr, vereinnahmt und kommerzialisiert zu werden, wo dann Touris vorbeifahren und sagen: Das ist ja witzig...

Also gegen Letzteres hätte ich nichts, warum auch? Vielleicht nehmen die Touris ja auch irgend etwas davon mit, damit hätte ich kein Problem, das mache ich auch so. Neben bornierten Blockierern hat man in der Stadt mit Kräften zu tun, die sehr viel moderner denken. Die wissen, dass eine postfordistische Stadt auch immer eine Image-City ist. Die Stadt könnte sich mit unseren Vorschlägen profilieren. Dass sie das nicht gemacht hat, wundert mich wirklich. Dass sie nicht sagen, dies ist ein demokratisches Projekt und Kunst: prickelnd und spannend, das könnte Touristen anziehen. Trotzdem gibt das "Wir beweisen uns als demokratische Stadt" einem mehr Spielraum. Vielleicht ist Park Fiction eine kleine Zeitbombe, die auf Grund von Toleranz zu Stande kommt, die aber hält. Wenn wir es hinkriegen, dass der Park realisiert wird, wäre das eine Art Modell. Vielleicht fühlen sich Leute ermuntert, luxuriösere Forderungen zu stellen und sich nicht mit diesem Armutsurbanismus abzufinden.

Was passiert, wenn eines Tages die Wünsche die Wohnung verlassen und auf die Straße gehen?

Das kann ich mir noch nicht so gut vorstellen, ehrlich gesagt. Das wäre die Revolution.