Wenn Felder und Garten

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ein Kunstprojekt zur Umstrukturierung des Stadtteils Wennfelder Garten im Tübinger Süden

Kunst schafft Freiräume, bewegt sich in Freiräumen und - zerstört Freiräume? Erst kommen die Künstlerinnen und Künstler, die Mieten steigen, die BewohnerInnen gehen, das Viertel wird umstrukturiert, die KünstlerInnen gehen. Am Ende bleibt weder (kreativer) Freiraum noch bezahlbarer Wohnraum. So geht das. Muss das so gehen?

Ich habe Anfang des Jahres einen Selbstversuch gestartet. Ich bezog ein Atelier in einer leerstehenden Wohnung in einem halb-verschimmelten Haus im Stadtteil Wennfelder Garten in Tübingen. Hier soll ein altes Wohnviertel aus Sozialwohnungen abgerissen und durch eine neue Mischung aus Sozial- und Eigentumswohnungen ersetzt werden.

Bisher bin ich nur Beobachterin. Das ist ein Teil meines Vorhabens: die Geschichte des Ortes und seiner Menschen zu dokumentieren. Ich stehe erst am Anfang. Die BewohnerInnen hat man 50 Jahre nicht gefragt, nach Fotos, nach Erinnerungen, nach ihrem Alltag und wie sie den überhaupt meistern. Noch gibt es - über Interviews hinaus - keine Zusammenarbeit mit den BewohnerInnen und/oder anderen KünstlerInnen.

Ein anderer Teil meines Vorhabens ist "aktivierende Kunstarbeit". Noch ist nichts zusammen mit den BewohnerInnen entstanden. Noch ist nichts durch die BewohnerInnen entstanden. Das Schaffen von Freiräumen muss aber vielleicht nicht in auffallenden Kunstaktionen sichtbar werden. Ein Freiraum beginnt im Denken, dass die eigene Stimme, die eigene Idee von Schönheit, von Gestaltung wahrgenommen wird. Vielleicht ist es das, was zählt, auch wenn es für den Lebenslauf auf meiner Webseite unattraktiv ist, weil unsichtbar?

Wäsche im Wohnviertel Wennfelder Garten, Tübingen.

Meine Vision ist es, über die Kunst zur aktiven Auseinandersetzung mit der Frage "Wie wollen wir wohnen UND leben" anzuregen. Kann das Kunst - ausserhalb der Kunst? Inwieweit kann ich Kunstprojekte entwickeln, die tatsächlich mit den BewohnerInnen wachsen, in denen sie sich wieder finden; in denen ich dennoch meinen künstlerischen Fragen (Abstraktion, Inhalt, Präsentation ...) nachgehen kann? Und was bedeutet überhaupt "aktive Auseinandersetzung"? In wessen Sinne muss wer aktiv werden?

Eine Idee: die Balkone der Wohnhäuser, die als Erstes abgerissen werden, kurz davor in einem StreetArt Workshop mit lokalen Jugendlichen zu gestalten. Hochkarätige Kunst und die Jugendlichen lernen auch noch was dabei: Techniken, Geschichte, Protagonisten wie Banksy etc. Aber was denkt darüber die 80jährige Frau, die hier 50 Jahre lang diesen Balkon gepflegt hat?

Mein "Vermieter" ist die lokale Sozialwohnungsbau-Gesellschaft. Die, denen ich zuhöre, sind die, die den Kündigungsbrief in der Tasche haben, während mir zugesagt wurde, dass man ein Plätzchen für mich schon finden werde in den nächsten 5 - 7 Jahren der Umstrukturierung. Ich werde nicht bezahlt, aber genieße doch ein Privileg.

Ich werde Geld beantragen müssen für mein Kunstprojekt. Als "Nebenher-Beschäftigung" entwickelt es sich zu langsam. Und ich brauche Geld zum Leben. Der Unmut der BewohnerInnen über ihre Zukunft wächst. Für viele ist die Umstrukturierung eine Katastrophe. Für andere eine Chance. Es gibt neuen Wohnraum. Langjährige BewohnerInnen können den neuen Straßennamen in ihre Job-Bewerbung schreiben und niemand sieht mehr, dass sie aus dem Ghetto kommen. Ich stehe mittendrin mit meinen eigenen Interessen. Ich will nicht befrieden und ich werde keine Revolution anstacheln. Vielleicht werde ich nur dokumentieren. Vielleicht gelingt es mir, Freiraum zu nutzen und dadurch Freiraum zu schaffen - in den Köpfen oder auch im sichtbaren Alltag. Der Freiraum der Alten, zu zeigen: wir sind auch noch da, einen alten Baum verpflanzt man nicht. Der Freiraum der Jungen, zu lärmen.

Ich bin gespannt. Und freue mich auf Diskussionen.

Website zum Kunstprojekt Wenn Felder und Garten ...